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Aus WESER-KURIER, Bremen vom 30.5.2011_____________________________________________________
Ein Sängerleben ohne Bückling vor dem Massengeschmack
von Dieter Mahlstedt
Fischerhude. Bevor er auf die kleine Bühne in der Fischerhuder Galerie steigt, wechselt er nochmal das Schuhwerk. "Du musst gut stehen, wenn du singst", sagt Helmut Debus, lächelt und meint es trotzdem sehr ernst. Gleich auf der Bühne wird er als erstes eine weiße Kerze entzünden. Auch das ist ein Ritual. Seit 35 Jahren singt Helmut Debus eigene plattdeutsche Lieder. Ein konsequentes, authentisches Sängerleben ohne Bückling vor dem Massengescmack.
So etwas nötigt Respekt ab, und den bekommt der lang aufgeschossene Sänger aus Brake bei jedem seiner Konzerte. Auch an diesem Abend in Fischerhude sind seine Fans aus halb Norddeutschland dabei. Überflüssig zu sagen, dass die achtzig Plätze unter dem alten Balkendach des historischen Gebäudes ausverkauft sind. Hier in Fischerhude sind in der stürmischen Zeit der ersten Antiatomkraft-Proteste in den späten siebziger Jahren beim gleichgesinnten Verleger Wolf-Dietmar Stock seine ersten plattdeutschen LPs erschienen. Etliche zehntausendmal gingen sie über den Ladentisch. Und wenn Wolf-Dietmar Stock anläßlich seines 35-jährigen Firmenjubiläums jetzt auf der Bühne eines jener seltsam großformatig anmutenden, vergilbten Exemplare hochhält, tut er das angesichts der neuerlichen, aus tragischem Anlass geborenen Proteste sicher mit besonderen Gefühlen.
Sein Konzert beginnt Helmut Debus mit einem Gedicht der 1969 verstorbenen niederdeutschen Autorin Alma Rogge mit dem Titel "Wo ik her kaam". In diesem melancholisch herben Heimatgedicht heißt es zu Beginn: "Wo ik her kaaam, is dat Land so free un wiet." Man kann dieses Gedicht gewissermaßen als den musikalischen Seelencode von Helmut Debus begreifen: So viel Weite und Freiheit und trotzdem so viel Melancholie, die sich einfach nicht wegsingen lässt. Debus feiert das Leben und den Hedonismus, aber tief drinnen ruht die Furcht der Vergeblichkeit. Wie die Flut, die wie ein Sisyphos alle paar Stunden an den Dünen leckt und sich dann doch wieder zurückziehen muss.
Die Begriffe Weite und Freiheit nimmt Debus wörtlich. Er ist das Gegenteil des volkstümelnden Heimatsängers, der sich achtern Diek verschanzt. Er sieht die großen und kleinen Probleme von Mensch und Welt und gießt sie mitsamt schöner Melodien in die biegsamen Versmöglichkeiten des Plattdeutschen. Natürlich gibt es auch den Klabautermann-Charme aus der Abteilung "Der Mond, die weiße Perle scheint auch auf besoffne Kerle" oder auch die Wegbeschreibung "Hart Backbord in die Honolulu Bar".
Debus ist aber kein Humorist, sondern jemand, der sich des Humors und der Hoffnung bedient, um das komplizierte Getriebe des Lebens zu schmieren und am Laufen zu halten. Debus-Hörer wissen nie genau, was sie erwartet. An diesem Abend in Fischerhude verzichtet er auf stimmungssichere Klassiker, sondern spielt Songs seiner demnächst erscheinenden neuen CD. Debus ist kein Nostalgiker. "Ich muss diese neuen Lieder vor Leuten testen. Ich kann in ihren Augen sehen, wie sie die Stücke empfinden", sagt der 62-jährige Musiker.
Sorgen muss er sich keine machen. Stücke wie das hymnische "Dat groote Leven" reißen mit. Debus besitzt eine sehr ausdrucksstarke Stimme, die den besoffenen Sailor genauso geben kann wie den wispernden Verliebten. Und so ist es denn in der Fischerhuder Galerie wie meistens bei seinen Konzerten. Ohne drei Zugaben "geiht he nich von Bord".